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44. Etappe Küsnacht - Stäfa - Rapperswil - Richterswil

30. Dezember - 31. Dezember 2022 (2 Tage)


Früh bin ich wach...heute packe ich zum letzten Mal meinen Rucksack für diese Reise...die Freude darüber, dass ich mein Ziel erreichen werde, mischt sich mit einer melancholischen Stimmung, die bereits den Geschmack von Abschied hat...etwas geht zu Ende.

So lasse ich mir viel Zeit, um meinen Rucksack zu packen und dabei ein Stück in die ein und andere Erinnerung einzutauchen...letzte Vorbereitungsarbeiten für ein einladendes Ankommen & Feiern morgen zuhause...

...so ist bereits Mittagszeit, bis ich mit dem Bus an jenem Ort ankomme, wo ich gestern mit meiner Tour aufgehört habe.... vorbei am Schübelweiher, durch's Tobel...








Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut.


(Aurelius Augustinus)










Immer wieder mal einige Regenschauer, das stört mich nicht, die Sicht bleibt gut und der Weg sehr abwechslungsreich...

Zwischen Zürich und Rapperswil reihen sich etliche Tobel aneinander - jedes anders schön und entdeckenswert - so nah vor vielen Haustüren gelegen. Dazwischen immer wieder ein Stück Panoramaweg mit Weitblick auf See und in die Berge.






Die Natur schafft, der Mensch gestaltet und zusammen im Einklang kann sich dies harmonisch ergänzen...



Ein Brunnen, dem besonderes Wasser nachgesagt wird; Bänke, die mit ihren Zitaten neben dem Rasten auch zum darüber sinnieren einladen...eine sogar mit meinen Initialen...ja, die Worte würde ich unterschreiben...eine Skulptur, versteckt zwischen Sträuchern am Wegrand des Waldes...






Oberhalb Stäfa...Zeit für ein gemütliches Abendessen. Mittlerweile dunkel, geht es mit der Stirnlampe weiter durch das Risitobel abwärts ins Dorf. Ich folge den gelben Wander-wegschildern und komme ungeplant am Haus von Freunden vorbei...so einfach vorbeilaufen geht nicht, wenigstens mal schnell "hallo" sagen, wenn jemand zuhause ist. Aus dem "schnell mal" gibts eine lange Tee-Plauderpause mit Urs - der Abend ist ja noch lang...nun die Gelegenheit nutzen, um die nassen Socken zu wechseln. Urs nimmt meine Schuhe und stopft sie mit Zeitungspapier - lohnt sich das für die kurze Zeit? Selbstverständlich könnte ich bei ihnen übernachten, aber genauso selbstverständlich versteht Urs, dass ich selbstverständlich draussen übernachten möchte. Ich nehme das nasse Zeitungspapier aus den Schuhen, ja hat sich gelohnt! Mit Urs' Tip vom "Chatzen-tobelweiher" verabschiede ich mich. Dass ich vorher noch an einem speziellen Ort einkehren möchte, verrate ich nicht, deshalb lehne ich es ab, zum Essen zu bleiben...gerne ein andermal wieder.


Denn für diesen, meinen letzten Abend auf dieser Pilgerreise, möchte ich ein stimmiges Ambiente für ein feierliches Abschlussessen...was wäre da passender als das Restaurant "Alte Krone" - hier, in diesem ehrwürdigen Gebäude mit Kreuzgewölbe, wo Goethe bei seinen Reisen durch die Schweiz des öfteren zu Gast war. Sein verewigtes Angesicht betrachtend, halte ich bei einem Glas Wein ein inneres Zwiegespräch mit ihm...


Vom Zeitgeist der Dichter und Denker, in der er lebte, hätte ich mich auch gerne inspirieren lassen. Seine Weisheiten sind in ihrer Essenz zeitlos, laden ein, sich mit den Irren und Wirren des Menschseins auseinanderzusetzen. Und in den Sternstunden der Suche, für Augenblicke zu ahnen, "was die Welt im Innersten zusammenhält".

Das ist in dem aktuellen, materialistisch und technokratisch orientierten Zeitgeist nicht angesagt. So verbannt man auch den "Faust" aus dem Deutschunterricht - nicht mehr zeitgemäss?! ¨Oder wäre die Konfrontation mit Mephistopheles für manchen auf der Weltbühne ein bedrohliches Spiegelbild? Wofür sind Menschen bereit, ihre Seele zu verkaufen?! Keine Frage für jene, die den Menschen auf eine Materie reduzieren, welche durch ein Zusammenspiel von physikalischen Funktionen und Abläufen, produzierbar ist.


Der Mond faszinierte Goethe ein Leben lang. Und seit Menschengedenken inspiriert er all jene, die sich dem Geheimnis seiner Anziehung zuwenden. Das erfahren schon Kinder mit dem Lied "Der Mond ist aufgegangen...". Ich spaziere durch Stäfa, wo ich vor zwei Jahrzehnten für eine Weile wohnte, gehe entlang dem altvertrauten "Goetheweg", mit Blick über das Lichtermeer rund um den Zürichsee.



Ab und zu am Wegrand eine rote Bank, mit verschiedenen Zitaten beschriftet...


...ein Rauschen des Wassers, das seinen Weg durchs Tobel bahnt..unterschiedliche Geräusche im Wald- mal mehr, mal weniger laut, ich zünde eine Fackel an...

komme an, beim "Chatzentobelweiher".

Da steht ein schöner nostalgischer Zugwaggon...wird wohl für besondere Anlässe genutzt. Ich finde keine Feuerstelle und so ganz entspricht es auch nicht meinem Wunsch für meine letzte Nacht...so gehe ich weiter ...

zuversichtlich, dass ich "meinen" Platz finden werde.

Kurz vor elf...yes! perfekt!

Ein grosser Platz mit Feuerstelle, sogar abgedeckte, trockene Holzscheite zur Verfügung und der Ausblick! Zuvorderst am Abhang stelle ich das Zelt auf, richte mein Nachtlager gemütlich ein...und mache ein grosses Feuer, an dem ich noch lange bis in die Nacht hinein sitze...



...beim Schauen in die -im Spiel des Windes- lodernden Flammen, mischen sich Bilder mit Stimmungen, Erlebnissen und Erkenntnissen meiner Reise, für die ich immer wieder andere Worte suchen und finden mag, um sie zu umschreiben...

manchmal ziehe ich es vor, Menschen, die auf wunderbarste Weise etwas auszudrücken vermochten, für mich sprechen oder auch singen zu lassen...



Obwohl ich noch bis weit in die Nacht wach gewesen bin, fühle ich mich am Morgen hellwach und in vorfreudiger Spannung... Rapperswil glänzt in der Morgensonne, das wird ein wunderbarer Tag!


Ich komme in die Stadt, direkt an einem Einkaufscenter vorbei...möchte nur rasch noch etwas für ein Picknick kaufen...dann steht er da in rot - ein vollautomatischer Massagestuhl - 10 min. 3 Fr. ! 10 min. Augen schliessen, meinen Rücken durchkneten lassen und dann mit "Frischekick" den Rucksack wieder locker schultern für die letzte Etappe nach Hause!

Ein kleines Picknick auf der Seebrücke, über die auch der Jakobsweg nach Einsiedeln führt,

ein schöner Streckenabschnitt, den ich vor vielen Jahren mal in einer verschneiten Weihnachtsnacht wanderte.

Schon unzählige Male entlang spaziert oder geradelt und immer wieder schön, die Uferseite Richtung Pfäffikon mit Blick zu den Inseln Ufenau und Lützelau.

Noch einmal anhalten, innehalten...am Ufer des Zürichsees, mit Blick auf meine "Haus-insel", die kleine Insel Schönenwirt vor Richterswil liegend. Und zu "meinem" Dorf schauen, oft als das "schönste Dorf am Zürichsee" benannt. Vergleiche finde ich meist problematisch, weil es eine Abwertung anderer impliziert. Und "Schönheit" liegt ja bekanntlich im Auge der Betrachterin...für mich ist es der schönste Ort, indem ich lebe. Und wenn ich mal woanders lebe, wünsche ich mir, von jenem Ort das Gleiche sagen zu können.

Hier, in Richterswil bin ich vor einem Jahr gestartet - "nur" mit der Idee, dass - egal was 2022 im weltpolitischen Zirkus gespielt werden wird - ich meinen Weg gehen werde und innerhalb eines Jahres alle 26 Kantone zu Fuss durchwandern und HEUTE, genau ein Jahr später, wieder zuhause ankommen möchte. Ich schaue auf die andere Uferseite, wo ich meine letzte Nacht auf der Pilgerreise verbracht habe, sehe aus der Ferne die letzte Etappe - und in Gedanken sehe ich die Schweizer Karte mit der Gesamtroute, die ich innerhalb eines Jahres in Etappen gewandert bin - über 1700 km Strecke - die Höhenmeter noch nicht gezählt.

Das bin ich alles gegangen!

Für einen Augenblick fühle ich mich überflutet von Freude, Stolz und Dankbarkeit.


Strahlend wie ein Kind, das zum ersten Mal alleine laufen kann, spaziere ich genüsslich entlang des Sees... da kommt mir Evelyn, eine Freundin, die mich mal für einen Tag auf meiner Tour begleitet hatte, mit ihrer Tochter spazierend, entgegen. "Wowwhh, Timing! Kommst du grade jetzt an?!" "Ja, JETZT! " Aus geteilter Freude wird doppelte Freude....!






Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet:

So seht mich gehen!

Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der Tanzt.

(Friedrich Nietzsche)








Und nun - ab ins Mülibachtobel! In knapp einer Stunde kommen die ersten Gäste zum Feiern; das passt, als hätte ich es so geplant, dabei hat es sich einfach passend entwickelt...! Ich glaube, das nennt man auch "im Flow sein" bzw. "mit dem Flow gehen"...


Am Silvesterabend 2021 habe ich hier im Mülibachtobel die erste Kerze angezündet und bin losgegangen ...nun, ein Jahr später habe ich die letzte Kerze auf dieser Pilgerreise angezündet...ich habe mein Ziel erreicht.


Durch 26 Kantone bin ich zu Fuss gegangen - das war die äussere Reise.

Diese Äussere Reise hat mich zu einer Reise nach Innen geführt, wo ich weiter forschen, entdecken und stärken konnte, was mich im Innersten bewegt, zusammenhält und trägt. Auch unabhängig von dem, was im Äusseren der Weltbühne geschehen mag...




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