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38. Etappe Langendorf - Solothurn - Wangen a.d. Aare-Bannwil

24. Dezember 2022 (1 Tag)


Im strömenden Regen gehe ich von zuhause weg und nehme den Zug nach Langendorf...bei Ankunft um 11.37 Uhr erwartet mich nur noch ein leichter Nieselregen. Durch die Agglomeration führt mich mein Weg in die Stadt...

auf den Tag genau erreiche ich auch ohne Detailplanung das Etappenziel!

Zu Beginn meiner Pilgerreise habe ich mal festgelegt, auf meiner Strecke bis an Weihnachten in Solothurn anzukommen...

auch, um an diesen "heiligen" Tagen, der St. Ursenkathedrale einen Besuch abzustatten.




Mit Glockenschlag 12 Uhr spaziere ich in Solothurn ein…unter dem Bieler Stadttor hindurch in die Altstadt Richtung Kathedrale …vorbei an Marktständen, deren Verkäufer/innen am Einpacken sind. Symbolhaft zeigt die Uhr der Kathedrale 12.05 - ja es ist schon lange fünf nach zwölf, im Sinne dass die Zeit überfällig ist, dass die katholische Kirche sich zu den begangenen Verbrechen bekennt und vor allem, alles daran setzt, dass diese aufhören! Die vielen Kirchenaustritte, insbesondere auch im vergangenen Jahr, sprechen eine deutliche Sprache, dass zunehmend mehr Menschen nicht mehr bereit sind, sich durch eine Zugehörigkeit zu dieser Institution, mitverantwortlich zu machen. Architektonisch betrachtet ist die Kathedrale ein Meisterwerk und beeindruckend, anzuschauen...

doch auch hier entspricht eine äussere Schönheit nicht unbedingt einer inneren…

Ich setze mich in eine der Kirchenbänken und sinniere …

vor einem Jahr wurden - selbst an Weihnachten - vielen Menschen der Zutritt verwehrt...



...eine Krippe ist aufgebaut, Kerzenlichter brennen davor - ich betrachte sie - die Darstellung der Geburt Jesus in einem Stall, "weil in der Herberge kein Platz für sie war"... wäre es nicht so traurig für all die Menschen, die sogar von den Kirchen, wo sie Zuflucht finden wollten, ausgeschlossen und alleingelassen wurden, könnte man es einfach als Situationskomik betrachten.

Ich stelle meine Kerze vor die Krippe und dabei fällt mir ein Bibelzitat (das mir aus meiner frühen Jugendzeit in Erinnerung geblieben ist) ein...

auf einem Lesepult liegt aufgeschlagen das Messbuch...ein Impuls, dem ich nachgebe:

Ich reise ein leeres Blatt aus meinem Tagebuch und schreibe darauf:


Meine Worte zu "Heilignacht"


"An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!" ( 1. Johannes 2,1 - 6 )

Ihr habt mitgemacht!

…beim Verbrechen an der Menschlichkeit…Menschen ausgeschlossen, ausgegrenzt,

alleine gelassen & ihnen den Zutritt zum (wie ihr es nennt) "Haus Gottes" verwehrt.

Doch Gott lässt sich nicht einschliessen in den engen Mauern Eurer Kirchen!


Ich wünsche gesegnete & be- SINN-liche Weihnachten


unterzeichnet

ein Kind Gottes

* mit der Bezeichnung "Gottes" übernehme ich lediglich das Vokabular der Kirche, ohne damit ein persönliches Glaubensbekenntnis zu machen...


Das Blatt lege ich in die Buchseite zur Lesung der Heilignacht-Andacht und überlasse es jenen, die es sehen werden, was es mit ihnen macht…für mich hat es seinen Zweck mit dem Benennen erfüllt.

Zeit, weiter zu ziehen, draussen nieselt es nur noch…ich komme vorbei an gefüllten Cafés…Menschen die gemütlich zusammensitzen - eigentlich schön - und doch löst es auch ein ambivalentes Gefühl in mir aus…da liegt noch etwas Unausgesprochenes dazwischen, was mich manchmal nicht ganz unbefangen hinzugesellen und mich auch nicht vorbehaltlos zugehörig empfinden lässt…Damit meine ich nicht diesen oder jenen bestimmten Menschen, sondern die Gruppe jener, die einfach mitgemacht haben und das Wort "Solidarität" zum Unwort des Jahres werden liessen.

Ach, das ist doch nun vorbei, das brauche ich doch nicht nachtragen, man wusste es halt nicht anders…wirklich?!

Einfach ausblenden und zur gewohnten Tagesordnung übergehen?! Nur das Nichtvergessen vermag dazu beizutragen, dass Verantwortung übernommen werden kann gegenüber all den Schäden, die durch menschen- & umweltfeindliche Massnahmen verursacht wurden. Mitverantwortung übernehmen für den Graben, der zwischen Menschen geschaufelt wurde.

Es genügt nicht, die Irrtümer & Taten als Mahnmal in Geschichtsbüchern nieder zu schreiben; wäre dies präventiv wirksam, dann würde sich die Geschichte nicht immer in verschiedenen Facetten wiederholen ...


Entlang der Aare spaziere ich nach Attisholz; das stillgelegte Fabrikareal entwickelt sich seit 2018 zunehmend zu einem Platz, der beschrieben wird als "Ort, indem vieles miteinander und nebeneinander möglich sein wird: wohnen, arbeiten, forschen, bilden, geniessen, musizieren, kunstschaffen, dinieren, erholen und begegnen."

Die Aare kann ich hier leider nicht über-queren; wegen Hochwasser ist der Übergang gesperrt. Es fehlt nicht mehr viel, bis die Brücke unter Wasser stehen könnte, ganze Baumstämme treiben den Fluss hinab. So wechsle ich beim nächsten Wehr auf die andere Flussseite.



Hier führt der Wanderweg stets entlang des Wassers und durch Auenwälder bis nach Wangen a.d. Aare.



...jede Jahreszeit und jedes Wetter hat seine ganz eigene Schönheit; es ist nur eine Frage der Betrachtung...









Die heilsamste Stärkung auf dem Spaziergang des Lebens ist es, von Zeit zu Zeit bei sich selber einzukehren.

(Peter Sirius)
















Draussen zu sein und sich überall zu Hause zu fühlen; die grossen und die kleinen Dinge der Welt zu sehen, mitten- drin zu sein, staunend über die sichtbaren und unsichtbaren Wunder der Schöpfung...



Wangen, Zeit um im Trocknen eine Pause zu machen und mit was Kühlem den Durst zu löschen...; ich verlasse das Restaurant, es ist schon 16.45 Uhr; das Panache & ein Weihnachtsbier ist mir doch ein bisschen in den Kopf gestiegen, aber das legt sich rasch an der frischen Luft. Auf dem Wanderwegschild steht Aarwangen 2:25 h ...bis dahin möchte ich heute noch - nur mit Tagesrucksack werde ich weniger Zeit benötigen.

Nach etwa einer Stunde ist es so dunkel, dass ich nur noch mit der Stirnlampe weiterwandern kann...; inzwischen sind mir einige Geräusche vertraut - z.B. jenes, wenn ein Biber ins Wasser huscht...manchmal, wenn ich mich - je nach Umgebung - doch mal etwas unwohl in der Dunkelheit fühle, singe ich einfach.

Ich komme an einem Kraftwerk vorbei und sehe Lichter einer Ortschaft - Bannwil.

Es wäre zwar nicht mehr so weit bis Aarwangen, aber ich entscheide, dass ich diesen Flussabschnitt lieber bei der nächsten Etappe im Hellen sehen möchte und gehe in Bannwil zum Bahnhof. So habe ich auch mehr Zeit, um zuhause in Gemeinsamkeit einen festlichen Abend ausklingen zu lassen.



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