21. Etappe Oberalppass - Rheinquelle - Passo Bornengo (2631m) - Lago Ritom- Lukmanierpass - Disentis

20. - 22. September 2022 (3 Tage)

Rheinquelle, Tomasee 2345 m - 1233 km bis zu seiner Mündung in die Nordsee



Auf der Zugfahrt zum Oberalppass blicke ich in die Berge, wo bereits der erste Schnee gefallen ist. Das sonnige Wetter wird diesen wohl wieder wegschmelzen.

Unterwegs zur Quelle des Rheins treffe ich auf einen Jäger, der mit seinem Fernglas Murmeltiere beobachtet. Eine gute Gelegenheit, wieder was zu lernen - auf eine Art, wie es am meisten Spass macht. Von einem Menschen, der seine Kompetenz durch Erfahrungen erworben hat und diese mit Begeisterung weitervermittelt - statt ein angelerntes Wissen nach einem Plan wiederzugeben.

Wie merken die unterschiedlichen Tiere, wenn sich von weit her ein Mensch nähert? Murmeltiere können vor allem sehr gut sehen & auch hören, der Geruchsinn hingegen ist weniger gut ausgebildet.







Gämsen haben hingegen einen sehr guten Geruchsinn, und so gilt unter Jägern der Spruch, dass man bei Fön besser jazzt.

Der Jäger berichtet weiter, dass er bei den Murmeltieren nur Männli schiessen würde (er erkennt den Unterschied an der Grösse & Gewicht), da die Jungen die Mutter zum Wärmen über Winter bräuchten. Pro Murmeli erhalte er zwischen 30-40 Fr.; beliebt sind sie für die traditionelle Murmeltiersalbe, aber kürzlich habe auch ein Restaurant das Fleisch von ihm gekauft. Ich wusste nicht, dass es auch auf der Speisekarte steht.














Von der Rheinquelle führt mein Weg vorbei an einem Steinmännli-"Garten" weiter zum Passo Bornengo auf 2631m. Nur in schattigen Wegabschnitten hat sich der Schnee, oder stellenweise auch Eis, gehalten. Weit und breit keine anderen Wanderer unterwegs; ich habe einen Rhythmus gefunden, wo ich nun seit Stunden - einfach nur gehe, die klare Luft atme und die sich verändernde Landschaft betrachte. Nichts anderes. Dabei entspannt sich mein Geist wie von selbst.









Noch eine Stärkung im Windschutz der Felsen, bevor es steil über Felsplatten aufwärts geht. Ich hoffe, es bleiben die einzigen vereisten Passagen. Seit Stunden bin ich in felsiger Landschaft unterwegs, gerne möchte ich vorm Eindunkeln die Baumgrenze hinter mir lassen und mein Nachtlager in pflanzenreicher Umgebung aufschlagen. Auf einem Wegschild stand etwas von einer Alp - da könnte ich zumindest mein Wasser auffüllen.


Die Dämmerung kommt schneller als erwartet, ich sehe im Restlicht sowas wie eine Alp. Ein Hund fängt an zu bellen, aber es gibt kein Licht. Ich gehe darauf zu, da ist niemand, alles bereits winterdicht gemacht und mit einem Zaun abgeriegelt, die Tiere vom Berg hinabgetrieben..nur der Hund bellt, nun noch lauter. Inzwischen ist es dunkel und ich traue mich nicht näher, in das abgeriegelte Gelände zu gehen. Was macht der Hund alleine dort, ist er angebunden?! Ich gehe weiter , setze meine Stirnlampe auf und höre noch in der Ferne das Bellen...das wars dann auch mit der eventuellen Möglichkeit, Wasser zu bekommen. Vielleicht treffe ich wenigstens noch auf ein kleines Bächli, hoffe ich, während ich noch fast eine Stunde lang mit dem Licht der Stirnlampe weitergehe. Jetzt muss ich mich entscheiden- der Weg führt weiter in eine Waldschlucht - vielleicht könnte ich dort noch Wasser finden, dafür aber vielleicht keine Fläche, um das Zelt aufzustellen. Und da der Weg unbekannt ist, sind die Gefahren in der Dunkelheit auch nicht so gut einschätzbar.


Wenigstens kuschelig warm in meinem Winterschlafsack...ich checke meine Wasserflasche- noch knapp 200ml ! Das war nachlässig von mir, seit ich heute unterwegs bin habe ich erst 3/4 l getrunken..jetzt heisst es einteilen! Wenigstens ein kleiner Schluck vorm Einschlafen - oh, ziemlich scharf, die darin schwimmenden Ingwerstücke haben ziemlich nachgewürzt. Zum Zähneputzen muss ausnahmsweise ein Kaugummi herhalten.

Ich habe durchschlafen können, ohne zwischendrin vom Durst zu erwachen- habe aber vergessen meine Trinkflasche in den Schlafsack zu nehmen- jetzt schwimmen kleine Eisstücke darin. Auch das Aussenzelt ist mit einer dünnen Eisschicht überzogen. 1-2-3 raus aus dem kuscheligen Schlafsack in die Kälte...sobald ich wieder am Wandern bin, wird es mir auch wieder warm. Auf dem Weg zum Lago Ritom komme ich an einer Alp vorbei - ist es nicht jene, wo ich vor nahezu 30 Jahren ein Erlebnislager mit "verhaltensoriginellen" Kindern/Jugendlichen mit organisierte?! Eine Gelegenheit, mich wieder mal bei einem ehemaligen Teamkollegen, der dabei war, zu melden...wir haben länger nichts mehr voneinander gehört. Wie er wohl durch die letzten drei Jahre gegangen und wie seine Sichtweise dazu sein mag?

Da war doch noch die Geschichte von "Frederick", von der ich erzählten wollte. Nun denke ich wieder daran, während ich -immer wieder staunend über die Schönheiten der Natur- stehenbleibe und Innehalte...

"Weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse viele Vorräte zu sammeln. Sie sammelten Körner, Nüsse, Weizen,Stroh...alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht, alle, ausser Frederick. "Frederick, warum arbeitest du nicht?" fragten sie. "Ich arbeite doch, sagte Frederick, "ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten , dunklen Wintertage." Und als sie Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese starrte, sagten sie "Und nun Frederick, was machst du jetzt?" "Ich sammle Farben", sagte er nur, "denn der Winter ist grau."

* für die ganze Geschichte "Frederick" von Leo Lionni



In unsicheren Zeiten wie diesen - Energieknappheit, mögliche Lebensmittelengpässe, drohender Stromausfall, kriegerische Konflikte... beginnen die Menschen grosse Vorräte zu sammeln. Doch wie in der Geschichte von Frederick kommt irgendwann die Erkenntnis, dass das Materielle allein nicht nährt, wenn wir uns nicht oder ungenügend um die seelischen Ressourcen kümmern...

Der Weg bis zum Lukmanierpass zieht sich gefühlt endlos hin; gegen 19 Uhr erreiche ich die Passhöhe und entdecke neben der Kapelle einen guten Platz zum Zelten. Die Kirche ist geöffnet - ich denke kurz daran, dass ich mir ja auch den Zeltaufbau ersparen und in der Kapelle übernachten könnte; nein, nicht diesmal, denn ich bleibe bei meinem Vorsatz, ausnahmslos im Freien zu übernachten...nach dem Aufbau spaziere ich zum Hospezi Santa Maria- dem Hotelrestaurant auf Passhöhe- und verweile dort - meinen Flüssigkeits-speicher wieder gut füllend, bis es für mich Zeit zum Schlafen ist.

Früh am Morgen, mein Zelt ist mit Raureif überzogen, ich packe zusammen und gehe in die Kirche; da ist es ein bisschen weniger kalt. Gute Gelegenheit, mal mit Gott zu sprechen, während ich mein Käsebrot, statt geweihte Oblaten esse - und statt Wein gibt es kaltes Ingwerwasser. Was dieser wohl zu den Geschehnissen auf der Erde zu sagen hätte ?! Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es vor den Kirchen Eingangskontrollen und nur jene, die bei der "Gesundheitsdiktatur" mitmachten, bekamen Einlass. Nicht die einzige unchristliche Massnahme der Kirchen...



Ein kleiner Bach als gute Gelegenheit zum Waschen - mit Waschlappen & kaltem Wasser - die Seife ohne Verpackung, Bio - und zu 99% abbaubar! Da hätte ich glatt Chancen für den "Gutmensch-Preis" bei der deutschen rot-grünen ReGIERung...doch da fällt mir ein, dass ich zuvor einen Café im Pass-Restaurant getrunken habe. Das ist nicht nur kulturelle Aneignung, sondern sogar kulturelle Einverleibung! Lassen wir das mit dem "Gutmensch" - ich fühle mich unter den schwarzen Schafen sowieso wohler, wenn ich mir die weissen genauer ansehe...bin ich damit rassistisch oder nur im falschen Körper zuhause?!

Nun ja, die Diskussionen, welche derzeit in der Gesellschaft zur politischer Korrektheit geführt werden, nehmen meines Erachtens solch absurde Formen an, dass ich es öfter vorziehe, meinen Blick auf die einfachen und schönen Dinge zu richten.


So sammle ich - wie der kleine Frederick - allerlei Farben, den Duft klarer Bergluft, tanke Sonnenlicht, und weiss, dass diese inneren Schätze eine wunderbare Ressource sind, um mich in einer kalten und dunklen Zeit daran nähren zu können. Manchmal genügt es, die Augen zu schliessen und mich mit diesen Erinnerungen zu verbinden - und aus grau wird bunt, äussere Kälte verwandelt sich in eine innere Wärme. Mit der Kraft unserer Vorstellung können wir unsere Empfindungen beeinflussen. Wie wirksam dies sein kann, hat jede/r schon mal im Kino erlebt...da wird gelacht oder geweint, dabei sind wir nur in der Fiktion einer Geschichte. Es liegt in der Verantwortung von uns selbst, mit welchen Bildern der Vorstellung wir uns nähren oder auch füttern lassen.


Der Weg vom Lukmanierpass nach Disentis ist eine Teiletappe vom Jakobsweg. So komme ich immer wieder an kleinen Dörfern oder Weilern mit Kapellen - welche alle ihre eigene historische Geschichte haben - vorbei. Bei Acla mache ich noch einen lohnenswerten Abstecher zum in der Nähe gelegenen Wasserfall "Fimatsch".

Weiter auf dem Pilgerweg komme ich an einem Bauernhaus vorbei, vor dem zwei ältere Männer auf der Bank sitzen. Wir kommen miteinander ins Gespräch und sie fragen mich, ob ich keine Angst hätte, auch nachts- so alleine unterwegs zu sein ...und so kommen sie auf den Wolf zu sprechen. Ich dachte, das Thema hätte ich im Wallis zurückgelassen. Der eine Mann gesteht, dass er nicht mehr in das eine abgelegenere Gebiet gehe, wo er früher immer Pilze gesammelt hätte. Dies ist für den anderen weniger verständlich, da der Mensch sich nicht vor dem Wolf zu fürchten bräuchte. Es gäbe fünf Rudel im Bündner Land und es würde zunehmend zu einem Problem, da der Wolf die Scheu verloren habe. Hirtenhunde gäben nur eingeschränkt einen Schutz und seien auch ein hoher Kostenfaktor. So erzählt einer der Männer von jenem 86 jährigen, welcher in seinem Testament "gestanden" hat, dass er 8 Wölfe erschossen hatte. "Ich mag Wölfe, nur haben wir in der Schweiz mit der Landwirtschaft, den Bikern, Wanderern und anderen Freizeitsportlern nicht den nötigen Raum", sagt einer der beiden.






Eine Bank mit schönem Weitblick lädt zu einer kleinen Rast ein - da liegt ein handbemalter Stein mit der Botschaft, dass man ihn auch mitnehmen darf (& gerne ein Foto davon posten). Hin und wieder sah ich während meinen Wanderungen bemalte Steine. Eine schöne Idee - erst kreativ Steine bemalen, dann einen Ort wählen, um sie auszulegen und zu hoffen, damit anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn sie gefunden werden.







Disentis in der Ferne- es schaut gar nicht mehr so weit aus, doch dazwischen liegt noch die tiefe Rheinschlucht, in die ich erst ganz hinuntersteigen muss, bevor es auf der anderen Flussseite wieder nach oben zum Ort geht...ich wünsche mir eine lange Hängebrücke, um die Stecke abzukürzen!

Es scheint mir noch so weit - vor allem, da ich hungrig bin, meine Füsse wehtun und meine Beine nur noch ausruhen möchten! Eine Pause einzulegen macht dennoch keinen Sinn, da ich nur auskühle, es bald zu dämmern beginnt und es mir dann schwerer fallen wird, wieder weiterzulaufen. Ich motiviere mich mit der Vorstellung auf ein grosses, leckeres Abendessen in einem Restaurant bei Ankunft in Disentis. Es braucht manchmal so wenig, um wieder mehr zu schätzen, was im Alltag viel zu oft selbstverständlich ist.


Ich halte grossflächig Ausschau nach einem möglichen Übernachtungsplatz. Und komme an Wiesen vorbei, bei denen mit Schildern auf kreative Weise darauf hingewiesen wird, den Hundekot einzusammeln, statt damit den Garten der Kühe zu verunreinigen.

Jeden Meter erkämpfe ich mir, bis ich endlich das Dorf erreiche! Ich komme am Bahnhof vorbei und plötzlich der Impuls:

"Wie schön wäre es, heute Nacht in meinem Bett zu schlafen! Und morgen NICHT zu wandern...!"

Ich spüre nach...warum eigentlich nicht?! Ich lasse den Zugfahrplan die Entscheidung treffen...wenn es zeitlich aufgeht, zuvor noch in ein Restaurant einzukehren und dann noch eine Verbindung bis nach Hause zu haben, dann wird das der neue Plan. Ansonsten wandere ich (wie geplant) morgen bis Brigels - eine Etappe von fast 7 h Wanderzeit und dann nehme ich am Abend den Zug nach Hause. Also mal schauen...Handy auf online einstellen, SBB-Fahrplan ...und...jaaa! Es sieht danach aus, dass ich heute Nacht in meinem Bett schlafen kann! Jetzt gehts ins Restaurant...im Zentrum komme ich an zwei gegenüberliegenden vorbei, welches wähle ich?! Ich geh zum Nächstgelegenen- gleich am Eingang empfängt mich ein Desinfektionsspender - darauf. habe ich jetzt überhaupt keine Lust! Also das andere- perfekte Wahl - Restaurant (& Hotel) Alpsu - bekannt für die besten Capuns!

Kaum habe ich den Rucksack abgelegt, die Schuhe ausgezogen, sind alle Beschwerden verschwunden. Und ich empfinde es grade als grossen Luxus, nichts mehr tun zu müssen und mich mit kulinarischen Köstlichkeiten bedienen zu lassen. Beim letzten Schluck Wein schaue ich mal auf die Uhrzeit- wo ist die Zeit hin? In nicht mal einer Viertelstunde fährt mein letzter Zug! Nein, jetzt möchte ich nicht mehr auf mein Bett verzichten...die Bedienung macht mir rasch die Rechnung während ich Schuhe und Jacke anziehe. Ich laufe in schnellen Schritten zum nahegelegenen Bahnhof, ignoriere, dass ich gefühlt jeden Muskel spüre und steige in den Zug...





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