13. Etappe Le Bouveret - Monthey - Champery - Lac de Salanfe Georges du Dailley - Salvan

12. Juni - 15. Juni 2022 (4 Tage)






...kurz vor Sonnenuntergang komme ich mit dem Zug in Le Bouveret an; ein stimmungsvoller Abschluss meiner Etappe am Genfersee...

auf dem Weg nach einem passenden Schlafplatz, erreichen mich die ersten Regentropfen und von weitem ein Donnern...in der Dämmerung richte ich am Waldrand des Ortes mein Zelt auf...es donnert immer wieder, doch das Gewitter zieht vorbei und die Nacht bleibt trocken...















Mit dem Sonnenaufgang wandere ich durch die Talebene der Rhone, durch das Naturschutzgebiet Les Rigoles - ein Flachmoorgebiet, das neben einer vielfältigen Flora auch reich an Wasservögeln, Amphibien, Libellen, ist - und sogar Wasserbüffel beherbergt.


Gegen Nachmittag erreiche ich Monthey...nach einer stärkenden Mahlzeit in einem Restaurant und einer ausgiebigen Pause, entscheide ich mich, gegen 16 Uhr, noch bis nach Champery zu wandern - Zeitangabe 4 h ...



Auf dem Weg laden mich Kirschbäume & Beerensträucher, deren Früchte wohl niemand ernten mag, zu willkommenen Vitaminpausen ein.


Die Bergwelt zeigt sich im faszinierenden Licht- und Farbenspiel...

von dem sich so manch' ein dichtender Mensch hat inspirieren lassen...


Auszug aus "Unterwegs"

von Herman Hesse


...ist alles nur ein unentrinnbar sichrer Weg zu mir gewesen,

und derselbe Weg führt von mir weg

in uferlose Zeiten zu Menschen, deren ferner Ahn ich bin und deren Leben meines in sich schließt. Und da ich über Wolken hoch am Berg in leichten Lüften schritt,

ward mir mein Leben, mein schauend Auge und

mein schlagend Herz ein köstlich Leben, das ich dankbar trug, doch dessen Wert und Schönheit

mir nicht eignet und darum nicht vergeht. Und leise flog die kühle Höhenluft mir um die Stirn.“




Es ist bereits dunkel, als ich ausserhalb des Ortes unter Bäumen einen idyllischen Platz finde, bei dem ich mit dem Rauschen des Wildflusses und eindrücklichen Bildern des Tages, einschlafe.

Wieder ein Sonnen-Tag! Ich spaziere ins Dorf, vorbei an schönen Chalets, zum Touristen-informationsbüro. Noch weiss ich nicht, wohin mein Weg weiter führen wird...vielleicht bekomme ich da eine gute Empfehlung. So sage ich, der mich beratenden Frau, dass ich "oneway" eine längere Strecke über die Berge nach Osten wandern möchte. Sie empfiehlt mir einen Saumpass über die Alpen bis zum Stausee Salanfe, für den ich wohl zwei Tage einplanen müsse.

Ich schaue mir die Karte im Detail an, nehme noch Prospekte zur Umgebung mit und suche mir ein schönes Café zum Frühstück. Ziemlich dicker Katalog, um das Wallis für Besucher*innen von seiner schönsten Seite zu präsentieren. Ich blättere darin, reisse paar Seiten zur Kultur und Geschichte heraus, den Rest lasse ich zurück, brauche ja kein unnötiges Gewicht.


Mit einem schnelleren Schritt gehe ich grüssend an zwei älteren Männern vorbei…

worauf der eine zum anderen eine - u.a. meine Schuhe kritisierende- Bemerkung macht.

Da es sie doch mehr als nötig zu beschäftigen scheint, drehe ich mich zu ihnen und spreche sie an. Im Verlauf des freundlichen Gesprächs ändert sich ihr Bild über die wohl „leichtsinnige, unerfahrene, wahrscheinlich Stadttouristin“ dahingehend, dass sie mir Bewunderung für meine sich bewährten Erfahrungen aussprechen.

Im Sinne der Worte von J.J. Rousseau

"Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen, als gelegentlich ihre Bewunderung, zu haben.“

ist es mir nur ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass ein äusserer Eindruck oft trügen kann. Und ermögliche - dank des Gesprächs - einerseits den Respekt mir gegenüber, andererseits eine gegenseitig wertschätzende Begegnung.

Apropos Schuhe: Die meiste Zeit wandere ich mit Barfuss-Schuhen - auch im Gebirge.

Ich bin u.a. oft im Himalaya gewandert und habe mich gefragt, warum die Sherpas -. auch wenn sie Bergschuhe geschenkt bekommen, diese weniger gerne tragen.

Mit meinen Barfuss-Schuhen habe ich guten Kontakt zum Untergrund, meine Füsse schmiegen sich um jeden Stein, dadurch habe ich eine grössere Berührungsfläche und der Reibungskontakt verstärkt den Halt. Ich habe, selbst nach 10 h wandern, keine Blasen an den Füssen. Dass ich überhaupt solange wandern kann, ohne vorher zu ermüden, liegt neben meiner Kondition auch daran, dass die Schuhe so leicht sind, sowie an der permanenten Stimulation der Fussreflexzonen durch den wechselnden Untergrund. Die Fussmuskulatur wird gestärkt und ist dadurch weniger anfällig für Verletzungen.

Auf dem Weg durch ein Waldstück kommt mir eine ältere Frau entgegen und spricht mich auf Deutsch an...sie interessiert sich, wohin ich wandern möchte, um mir dann alles zu beschreiben, wo entlang ich wandern könnte. Ich hätte sie um einiges jünger als 77 Jahre geschätzt, was sie gerne als Kompliment für ihre Fitness annimmt. Sie kenne die Gegend bestens; seit sie pensioniert sei, wohne sie ganz in ihrem Ferienhaus im Wallis und biete auch B&B an. Wohl freut sie sich über meine Offenheit für ihr Bedürfnis, von sich zu erzählen...im Mittelpunkt stehen 78! Liebesbriefe, aus denen während dem 2. Weltkrieg -nach nur einer Begegnung- die Liebesgeschichte ihrer Eltern, zwischen deren Heimat in Deutschland und Österreich, geflochten wurde. Geschichten von Warten, Sehnen und Hoffen... ich höre ihr gerne zu, bis sie das Gespräch von der bewegten Geschichte ihrer Eltern auf den aktuellen Krieg lenkt und einen Vergleich zwischen Putin und Hitler zieht.

„Stopp!“ denke ich innerlich- ich bin nicht bereit, mir in dieser paradiesisch -anmutenden Umgebung so ein unreflektiertes und von Medienpropaganda beeinflusstes Statement anzuhören! So entgegne ich ihr, dass ich eine differenziertere Sichtweise dazu hätte und vielleicht möge sie sich noch aus anderen Quellen als den manipulativen Massenmedien informieren. Dazu gebe ich ihr Hinweise und hoffe, dass sie diesen nachgehen wird, um künftig weniger einseitig zu verurteilen. Ich verabschiede mich mich guten Wünschen und den Worten, dass mich die Geschichte ihrer Eltern berührt habe.

Jeder Krieg traumatisiert alle Menschen- unabhängig ihrer Nationalität.

Ich wandere weiter, die Landschaft präsentiert sich wie aus dem Bilderbuch, doch in meinem Kopf schwirren noch die Worte und Bilder des Gesprächs und fühlen sich schwer an. Auch wächst ein Unmut in mir darüber, wie verführerisch die Kriegspropaganda die Menschheit auf Irrwege führt. Aber jede/ r ist für seine Gedanken, Worte und Taten selbst verantwortlich und so entscheide ich mich JETZT, diesen Gedanken keinen Raum mehr zu geben. Da lädt mich ein Wildbach zum Anhalten ein. Das kühle Wasser erfrischt und reinigt meinen Körper und Geist...als ich barfuss durch das Wasser laufe, entdecke ich, dass der Bach voll mit Schiefersteinplatten ist. Ich fische eine heraus, die die Form eines Herz andeutet - vor meinem inneren Auge sehe ich schon das Zitat, das ich mit Kreide darauf schreiben möchte. Dann muss ich lachen - am Morgen habe ich noch an einzelnen Blättern Gewicht sparen wollen und nun packe ich eine Schieferplatte ein! Es hätte auch ein Stein sein können, mit denen ich meine Steinmännchen aus aller Welt zuhause weiterbaue.

Der Weg hinauf zum ersten Pass führt entlang einer schmalen Felswand, die stellenweise

mit Ketten gesichert ist. Der Blick zurück nach Champery ist atemberaubend.

Nach dem Pass geht es nicht etwa hinunter, sondern weiter hinauf - dennoch wird der "Pas d'Encel" als Übergang betrachtet. Ich nähere mich dem Gletscher Mont Ruan fast zum Greifen nahe. Der Gletscher, den ich gestern noch von weiter Ferne im Abendlicht fotografiert hatte- nicht ahnend, dass mich mein Weg diesem so nahe heran führen wird.



Pause und Einkehr bei der Susanfe-Alphütte...

bis es weiter hinauf durch das Alptal geht und je höher der Anstieg, desto mehr wandelt sich die Vegetation in eine mondähnliche Schotterlandschaft.

Als ich den Gipfel auf 2494m, den Col de Susanfe, erreiche, bläst ein starker Wind.

Ich möchte meine Jacke aus dem Rucksack nehmen, da fliegen die einzelnen Blätter der Wallis-Prospekte in alle Richtungen davon...einzelne kann ich einsammeln, den anderen schaue ich zu, wie sie immer wieder aufgewirbelt werden, vogelgleich durch die Luft fliegen, um sich dann an neue Stellen zu legen. Mit genügend Geduld kann ich sie dann nach und nach wieder einsammeln.



Nur - die Fortführung des Wanderweges - kann ich zwischen diesem Schotter und Resten von Schneefeldern, die mit grösster Wahrscheinlichkeit brüchige Schneebrücken verbergen, nicht wirklich erkennen...in der Ferne sehe ich den grün-blau schimmernden Stausee Salanfe , den ich bis am Abend erreichen möchte...nach zwei Versuchen, finde ich dann eine Stelle, die mir genügend trittsicher erscheint, um im Schottergeröll ein Stück hinabzusteigen...




...bis ich auf rot-weisse Markierungen treffe, deren Routenführung zur Herausforderung wird...

nicht nur wegen einzelnen Schneefeld-Überquerungen; auch einige Felsband-Passagen, deren Sicherung teilweise nicht vorhanden ist, oder die Ketten wohl nicht wirklich "update" erscheinen, fordern geschickten Körpereinsatz.

Sicherheit geht vor und die erhöhe ich mit Fokus, Konzentration und Ruhe.

Auch wenn ich dadurch mehr Zeit benötige, um voran zu kommen.



Ich lasse die sehr anspruchsvolle Passage hinter mir;

statt mir jeden Schritt zu "erkraxeln", kann ich nun wieder im wandernden Rhythmus einem schmalen Pfad folgen...




Während ich fast geräuschlos Richtung See wandere, sehe ich ein Steinbock-Kitz mit noch zotteligem Fell, das alleine unterwegs ist. Leise lege ich meinen Rucksack ab und folge steil bergaufwärts- dank meinen Barfuss-Schuhen mit gutem Reibungshalt auch auf Felsplatten- in angepasstem Abstand dem jungen Tier. Wie erwartet, führt es mich zu einer ganzen Steinbock-Gruppe.

Mit den Erinnerungen aus Kindertagen, als ich das „Anschleichen“ unzählige Male mit Faszination geübt habe, komme ich diesen majestätischen Tieren immer näher. Ab und zu heben sich die Köpfe und schauen direkt in meine Richtung; „nun rennen sie weg“ denke ich…doch sie schauen nur wachsam…so wage ich es noch näher…und wieder ein bisschen näher. An einen Felsen angelehnt, schaue ich ihnen eine Weile einfach zu und entscheide dann, sie wieder für sich zu lassen, ohne aufdringlicher zu werden.




Bis zum See begleiten mich immer wieder das Pfeifen von Murmeltieren; von einem kann ich auf die Distanz nur die Silhouette bildlich einfangen.



Ich erreiche die Talebene des Sees und komme an einem Hinweisschild vorbei. Nur in französischer Sprache wird darauf verwiesen, dass der Weg, den ich gekommen war, noch gesperrt sei.

Erst wenn die offizielle Sommerräumung durchgeführt sei, wäre er zu empfehlen, da das Gelände bis dahin zu gefährlich sei. Eine alternative Ausweichroute wird vorgeschlagen. Von der anderen Seite des Berges kommend, habe ich kein Warnschild gesehen. Nun erklärt sich mir einiges und ich bin froh, die Route gut bewältigt zu haben.

Im Licht der untergehenden Sonne nähere ich mich dem Stausee Salanfe. Zeit, nach einem Übernachtungsplatz Ausschau zu halten...



...von weitem sehe ich auf einer schönen Anhöhe eine Kapelle und denke, dass von dort aus wohl eine wunderbare Rundumsicht auf den See, in die Berge und ins Tal gegeben ist...





Leider ist die Kapelle verschlossen-wozu?

Der Wind bläst stark, so dass ich von den Mauern des Eingangs etwas geschützter, mein Abendessen zubereite.

Währenddessen frage ich mich, ob mein Sommerschlafsack genug warm für die Nacht sein wird- ich bin noch auf einer Höhe von fast 2000m...der Wind bläst...

und mir kommt spontan die Idee, mein Zelt im Schutz der Kapelle zu errichten.

Die Befestigung bedarf einer kreativen Lösung, da die Zeltheringe sich nicht in den Steinboden stecken lassen...




Ich schlafe wenig, immer wieder lockt mich der Vollmond -hellstrahlend über den Bergen und reflektierend im See - aus dem Zelt ins Freie. Und wenn ich im Zelt liege, rüttelt der Wind an diesem. Und doch geht von dieser Vollmondnacht etwas Magisches aus.

Bevor ich mich am Morgen auf den Weg zum Abstieg mache, gönne ich mir einen Muntermacher-Café in der Alphütte um die Ecke.








Ist das etwa ein Steinbock an der Staumauer, der sich verirrt hat?!

Ich befürchte, er könne abrutschen, doch beim näheren Hinsehen, kann ich nur staunen, wie geschickt er entlang dieser traversiert.










...Picknik-Pause in Van d'en Haut, da gibt es am Ufer eines kleinen Flusses einen idyllisch gelegenen Campingplatz...dort sehe ich ein Plakat über die Schlucht Dailley...

...die möchte ich mir gerne ansehen!



Von Begeisterung beschwingt...steige ich die Treppenstufen entlang des Wasserfalls hinauf, um immer wieder an ausgewählten Plätzen innezuhalten und einzutauchen, in die gewaltige Kraft und Energie des herabstürzenden Wassers.

Und wieder die vielen Treppenstufen hinab, weiter durch einen erfrischend kühlen Wald...


Vom steilen Abstieg seit am Morgen und den vielen Treppenstufen spüre ich meine Waden und eine plötzlich eintretende Müdigkeit, als ich in den Ort Salvan komme...Zeit für eine grössere Pause...doch dann stelle ich fest, dass Salvan einen schönen Bahnhof hat. Hier macht der "Mont-Blanc-Express", der Martigny mit Chamonix verbindet, Halt. In 10 Minuten fährt der nächste Zug und ich steige spontan ein -Richtung Martigny und nach Hause - das Picknick gibt es im Zug ...genug gelaufen, genug Eindrücke...





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