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35. Etappe Laufen - Delémont

16. Dezember (1 Tag)


Wer kennt das nicht... und plötzlich sind am Ende des Jahres nur noch so wenig Tage übrig.

Dabei möchte man doch noch dies und jenes, bevor das Jahr endet - so als gäbe es danach kein Neues mehr, um dies und jenes zu tun. Nur wegen einem Datum...und doch gibt es Struktur, hilft es, einem Vorhaben, einem Ziel, einen Rahmen mit einem Anfang und einem Ende zu geben. Ohne den man sich in einer Beliebigkeit, oder auch einer zunehmenden Bedeutungslosigkeit treibend, verlieren könnte.

So ist es mir immer noch wichtig und bedeutsam, mein Ziel zu erreichen: An Silvester mit der letzten Etappe -zu Fuss- zuhause anzukommen. Dafür bleiben mir nun noch 15 Tage - incl. Arbeitstage - noch ein langer Weg vom Jura bis an den Zürichsee.








Lautlos tanzen die Schneeflocken und bedecken die Umgebung wie ein Zuckerguss den Kuchen. Von Ast zu Ast hüpfend begleitet mich ein Rotkehlchen ein Stück meines Weges durch den Wald, entlang des Flusslaufs.




















Es hat aufgehört zu schneien, ich ziehe meine Spuren durch den frischgefallenen Schnee, unter meinen Füssen knirscht der Schnee, ab und zu knackt und bricht darunter liegendes Eis.





Ich komme bei der Ortschaft Soyhières vorbei, wo die Zuglinie, der Fluss und der Wanderweg nebeneinander liegen. Ein alter Mann kommt mir mit einem Spazierstock entgegen, er grüsst freundlich und fragt mich woher ich komme, wohin ich gehe. Froh darum, jemanden zum Reden getroffen zu haben, möchte er ein Stück auf meinem Weg mitgehen. Ob er sich bei mir einhängen dürfe - warum nicht? So erzählt er mir so manches aus seiner Lebens- und Familiengeschichte, ich höre zu. Ja bedauerlich, dass er vor einigen Jahren seine Frau verloren hat, er ist ja auch schon 92 ! Wie schön sei es, mal wieder bei einer Frau einhängen zu können, er sei ja meistens allein.

Schon traurig, wenn Menschen selbst im hohen Lebensalter nicht gelernt haben, dem Alleinsein auch etwas Schönes abgewinnen zu können und mit ihrem darüber Jammern und Klagen andere Menschen bedrängen. Dazu trägt vor allem auch die Abwertung durch die Gesellschaft gegenüber dem Zustand vom Alleinsein bei. Das Stigmatisieren dessen trennt jeden, der diesem auszuweichen versucht, von den transzendenten Erfahrungen, die dadurch gemacht werden können. Fast alle Menschen kommen alleine in diese Welt und gehen alleine von dieser Welt, da wäre es doch naheliegend, zu erkennen, dass

auch Alles in Einem Sein zu finden ist.

Wie bei vielem ist hierbei auch die Frage der Freiwilligkeit. Solange ein Mensch das Gefühl hat, selbstbestimmt über das Alleinsein entscheiden zu können, wird er es nicht (oder weniger) als Belastung empfinden und zuweilen auch geniessen können. Wenn er sich aber als Opfer äusserer Umstände fühlt und andere dafür verantwortlich macht, bleibt er im Leid hängen.

O.K., ich bin bereit, diesem fremden Mann für die Zeit des gemeinsamen Spazierens Gesellschaft zu leisten. Ich habe keine Berührungsängste damit, dass er an meinem Arm eingehängt neben mir geht. Die wohl schon länger fehlende zwischenmenschliche Zuwendung lässt ihn in ein Muster fallen, woran unsere Gesellschaft krankt: er verwechselt natürliche menschliche Nähe und Sexualität. Meine Lebenserfahrungen lassen mich genug souverän bleiben, um ihm einfach ganz unspektakulär zu sagen: "Nein, ich habe kein Interesse daran, dir altem Mann etwas anderes zu geben als ein Zuhören und eine Stütze beim Spazieren. Und jetzt gehe ich gerne wieder alleine weiter - alles Gute!" Teilweise auch amüsiert über dieses verzerrte Selbstbild, nehme ich wieder mein eigenes Wandertempo auf und frage mich, ob es auch Frauen gibt, die auf die Idee kämen, sich so gegenüber einem fast 40 Jahre jüngeren Mann zu verhalten.

Diese Begegnung macht mir wieder bewusst, wie wichtig es ist, sein Leben frühzeitig so zu gestalten, dass man nach Möglichkeit auch im Alter in vielerlei Hinsicht seine Würde bewahren kann.

Flusskurve um Flusskurve, der Weg zieht sich noch lange hin, bis ich die Lichter von Delémont sehe...auch wenn die Füsse müde sind, mache ich noch einen Spaziergang durch die Altstadt mit einem kleinen Weihnachtsmarkt, bevor ich den Zug nach Hause nehme.





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