16. Etappe Turtman-Raron-Mund-Naters-Ernen-Bellwald- Münster-Galmihornhütte-Oberwald-Grimselpass

2. August - 6. August 2022 (5 Tage)

Um die Mittagshitze zu vermeiden, starte ich am späteren Nachmittag in Turtmann; immer der Rhone nach bis Raron.

Bei der Burgkirche von Raron liegt der Dichter Rainer M. Rilke, auf seinen eigenen Wunsch hin, begraben.



Wohl sind mir viele seiner Gedichte sehr vertraut, von seiner Biographie habe ich aber nicht viel in Erinnerung. "Wäre eine gute Einstimmung auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte", denke ich - und so höre ich mir beim Wandern seine Biographie auf einem Podcast an. Die Zeit, bis ich auf dem Berghügel bin, reicht auch noch für zwei Gedichte, die im "Rilke-Projekt" besonders schön vertont wurden...


https://www.youtube.com/watch?v=sdFWj4YkFYQ



https://www.youtube.com/watch?v=3JQMIUrOMt4




Der Rhone entlang, vorbei an Brig, wird es dunkel, bis ich die grossen Fabrikareale hinter mir lasse und in den kleinen Ort "Lalden" komme. Von hier aus möchte ich am Morgen nach Mund wandern. Im Dorf komme ich ins Gespräch mit einer Frau, eine weitere gesellt sich dazu. Sie fragen mich, wo ich übernachten möchte...zuvor hatte ich ein Feld mit Weinreben gesehen, zwischen denen gut Platz gewesen wäre. Doch davon raten mir die Frauen ab- die Trauben seien erst vor ein paar Tagen gespritzt worden, da wäre es wohl nicht so gut, dort zu schlafen. Und so lädt mich eine der Frauen ein, dass ich auf dem Vorplatz bei ihrem Haus mein Zelt aufbauen könnte. Dort gesellt sich noch eine Frau dazu, die mir fürsorglich Wasser bereit stellt. Und etwas später, als ich bereits meinen Schlafplatz eingerichtet habe, werde ich noch dem Bruder der Gastgeberin vorgestellt. Einfach sympathisch, diese Offenheit & das "sich interessieren" für mein Unterwegssein.

Mit dem ersten Tageslicht wandere ich bergauf zum "Safran-Dorf" Mund, mit einem Zwischenstop in der Grottenkapelle im Gstein. Diese liegt unter einem mächtigen, platt vorspringenden Felsblock verborgen. Es wird von einem Mädchen erzählt, die Vollwaise war und dort eine Erscheinung hatte. Die abgeschiedene Felsenkapelle im Gstein übt auf viele Gläubige eine verborgene und geheimnisvolle Anziehungskraft aus. Das ist auch für mich spürbar und so fühle ich mich von einem Psalm berührt, den ich in der Stille der Felsenkapelle lese:

" Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, so ruhig und zufrieden , so voller Zutrauen ist meine Seele in mir."


Weiter nach Mund mit seinem Safran-Anbau; das "Gold der Wüste" wächst auch in dem kleinen Walliser Dorf auf knapp 1200 m. Die Erntezeit ist im Oktober und es dauert noch, bis die ersten Knospen aus dem Boden schiessen. Zur Erntezeit öffnet auch das z.Zt. geschlossene Restaurant, um die Safran-Köstlichkeiten zu degustieren, wie z.B. ein Safran-Risotto.



Am späten Mittag erreiche ich Naters. Die Sonne brennt und ich entscheide mich für eine lange Pause. Da kein See in unmittelbarer Nähe ist, besuche ich nach einem Restaurantbesuch spontan die Ortsbadi und tauche freudig im kühlen Nass ein.

Nach der Mittagshitze setze ich meinen Weg entlang der Rhone fort; mal ein Halt bei Brombeeren, mal bei Zwetschgen...bis ich den Fluss überquere und es wieder bergauf in Dörfer auf der anderen Talseite geht.

In Grengiols, bekannt als "Tulpendorf" nehme ich schon mal einen "Schlummerdrink", um dann noch bis zur Dämmerung weiterzulaufen und mein Zelt auf einer Wiese "zur schönen Aussicht" aufzustellen.

...statt Dusche...

Bis nach Ernen sind es noch etwa eineinhalb Stunden. Dort gibt es dann Frühstück...Ernen, das Musikdorf, ist auch eines der schönsten Walliser Dörfer mit historischem Ortskern.

Freunde haben eine Ferienwohnung dort. Vielleicht sind sie ja zufällig dort...ich visualisiere mal..."Astrid geht mit dem Hund auf Morgenspaziergang und ich treffe sie..."


Bevor ich nach Ernen komme, gibt es noch einen Abstecher in den "Zauberwald"...ein bisschen schaukeln, rutschen, klettern und Baumgestalten entdecken...wer kann in dem knorrigen Baumstamm auch den Kopf eines "Sadhu" sehen?


Am Ortseingang komme ich an der Ferienwohnsiedlung vorbei und sehe von weitem zwischen den Häusern eine Frau mit Hund spazieren...ich rufe einfach mal laut "Astrid?!"

Tja, visualisieren geklappt! ...und wenig später sitze ich mit ihr und Rainer auf dem Balkon beim gemeinsamen Frühstück mit frischen Brioche, die sie zuvor beim Spaziergang mit dem Hund beim Bäcker geholt hat. Neben dem ganz persönlichen Gespräch, kommen wir auch auf "den" Wolf zu sprechen...dieser komme bereits zu Ferienhäusern, hinterlasse dort auch unerfreuliche Spuren. Und ein befreundeter Wildhüter berichte öfter, wenn er wieder ausrücken musste, um irgendwo halb- oder ganz tote Schafe zu suchen. Ein Problem, das Lösungen für alle Betroffenen benötigt. Wir sind nur jene, die uns aus einer gewissen Distanz heraus Gedanken darüber machen.

Nach dem freudigen Wiedersehen und einem lebhaften Austausch setze ich in guter Laune meinen Weg fort.

Über eine lange Hängebrücke auf die andere Talseite...ich gönne es mir, meinen grossen Rucksack mit der Seilbahn hochzuschicken, während ich er-leichtert mit schnellen Schritten aufwärts nach Bellwald springe.





Von Bellwald geht es entlang dem Gommer Höhenweg nach Münster, der Wegweiser gibt 4:50 h an- das wird spät werden. Es ist niemand anders unterwegs, so tauche ich ein in die Stille und in eine malerische Landschaft zum Anfassen. Ab und zu über schmale Pfade durch Wälder...grade als ich ein Foto machen möchte, ist mein Handy weg! Oje, das muss irgendwo aus der Seitentasche des Rucksacks rausgefallen sein! Wie soll ich das zwischen den üppig wachsenden Pflanzen am Wegrand, welcher z.T. noch steil abfällt, wiederfinden?!

Erst mal ruhig bleiben, durchatmen und dann ...? Visualisieren...damit habe ich ja Erfahrung...nach gefühlten 20 min. im Laufschritt zurück, liegt es am Rand (nahe einem steilen Abhang) des Pfades! Wunder-bar! Danke...

Als ich am Abend - sehr hungrig- endlich in Münster eintreffe, wird es schwieriger, noch ein Restaurant mit offener Küche zu finden. Bei jedem Schritt bis zum Ortsausgang beschweren sich meine Füsse unangenehm...was aber beim leckeren Risotto im Landhaus- Restaurant wieder vergessen ist. Mit der Stirnlampe suche ich mir einen Platz zum Übernachten am Rhone-Ufer. In der Nacht tobt ein heftiges Gewitter, mein neues Zelt hält absolut dicht- prima! Nur möchte ich am Morgen nicht warten, bis das Zelt trocken ist...


...da kommt mir die Idee, dass ich gerne das Bundeslager der Pfadfinder, welches nur alle 14 Jahre stattfindet, besuchen möchte. War ja schon so viel Thema...so nehme ich den ersten Zug nach Oberwald und deponiere dort meinen grossen Rucksack im Bahnhof.


Noch rechtzeitig, bevor der Abbau fortgeschritten ist, kann ich das spektakuläre Baumhaus von Menschen, die auszogen, um in Wäldern zu leben, besuchen...da konnten die Pfadi's in Workshops noch einiges lernen...

Ich spaziere über das weite Gelände von etwa 30.000 PfadfinderINNen...freudiges, kreatives und gemeinschaftliches Leben pur...






„Auf die Beschaffenheit des Tages selbst einzuwirken, das ist die höchste aller Künste.“

(Henry David Thoreau, Walden)










„Wollt Ihr Euch wohl fühlen, dann achtet darauf, mit jeder Stimmung der Natur in Harmonie zu sein.“

(Henry David Thoreau, Walden)








Mit dem Zug fahre ich von Ulrichen zurück nach Münster...es ist Mittag und ich fühle mich flink wie eine Bergziege; nur mit leichtem Gepäck den Berg barfuss bis zur legendären Galmihornhütte hinaufspringend.











Auf 2113 m thront sie wie ein Adlerhorst

über dem Tal...die Wolken verdichten sich-gemäss Wetterbericht sollte es trocken bleiben...der Weg ist voll mit prallen Heidelbeeren...aber ich habe noch einen langen Weg vor mir...nur schnell ein paar pflücken und dann nur noch auf den Weg schauen, denn:

fast vor der Hütte, beginnt es zu regnen.

Zwei Männer laden mich ein, mich zu ihnen beim überdachten Vorplatz dazu zu gesellen. "Powersalat" - bestens zubereitet, frische Bergluft à discrétion, Bellavista und gute Gesellschaft...was braucht's grad noch?!

Einer der Männer ist der Hüttenwart, der andere Besitzer eines Hotels im Tal und heute mit dem Bike zur Galmihornhütte gekommen. Themen für einen angeregten Austausch finden wir genug...welche Auswirkungen hatte das BULA auf die Menschen der Region...die Problematik, für Gastrobetriebe kein Personal mehr zu finden, was ja auch nicht verwunderlich ist... früher gingen die Menschen arbeiten, um Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben...in der neuen Zeit sparen viele Menschen beim Essen und dem Service, kaufen sich dann aber teure Taschen mit Marken à la "Löli Pfuitin" oder "Gucli", um Menschen zu imponieren, die sie entweder nicht kennen oder vielleicht nicht mal mögen. Vielleicht gar nicht nur schlecht, wenn es zu einem Wirtschaftszusammenbruch kommt;

es könnte eine Chance darin liegen, die unterschiedliche und auch die gestörte Wertigkeit eines Produktes oder einer Dienstleistung mal wieder neu zu ordnen.

Es regnet noch, ich habe es nicht mehr eilig und wir wechseln in die warme Stube.

Der Pächter offeriert mir stolz seinen selbstgebackenen Nussgipfel aus dem Holzofen und dazu gibt es einen aufgepeppten Hüttencafé mit Schlagrahm - offeriert vom Biker, der es auch nicht so eilig hat, im Regen den Berg mit dem Bike runterzusausen.

Und welches Thema fehlt noch?! Klar, der Wolf im Wallis...Guido, der Pächter zeigt mir Fotos auf dem Handy...mal von einem Wolf in der Nacht nah bei der Hütte, dann eines von einem gerissenen Schaf, das trächtig war...aktuell leben etwa 150 Wölfe in der Schweiz und die Anzahl nehme rasant zu...ein Wolf kann bis zu 100 km in einer Nacht zurücklegen...

inzwischen sind wir in grösserer Runde & debattieren angeregt miteinander. In jener Sache sind wir uns einig "es gibt Probleme, welche sich nicht vom Schreibtisch aus und auch nicht über Gesetze lösen lassen!"




Inzwischen hat es aufgehört zu regnen - gemäss Wetter-Radar eines anwesenden Berggängers, wird es zwischen 16 & 17 Uhr wieder Regen geben. Ich meine, dass ich es gemütlich nehmen kann in der Annahme, bis Oberwald nur 4 h zu benötigen. Erfahre aber eine Wegzeit von mind. 5h bis 6 h! Das bedeutet flink sein, denn meinen grossen Rucksack muss ich am Bahnhof rechtzeitig abholen, dieser schliesst um 20 Uhr! Umso froher bin ich über mein leichtes Gepäck.

So habe ich noch eine gute Stunde, um im Trockenen weiter zu kommen...auf den Radar ist Verlass! Es donnert und regnet etwa eine Stunde lang...später zeigt sich die Sonne wieder und auch die ein und andere Überraschung.


Zwei Murmeltiere rennen schnell weg, als ich näher komme, eines bewegt sich überhaupt nicht. Langsam nähere ich mich immer mehr; ist es überhaupt echt, es reagiert ja gar nicht?! Vielleicht wartet es auf ein Foto-Shooting, denn danach huscht es lautlos weg.





Wer hat sich denn da im Wald versteckt?!



Knapp 10 Minuten vor Schliessung erreiche ich den Bahnhof in Oberwald, um meinen Rucksack abzuholen und mir dann im Wald am Rhone-Ufer meinen Schlafplatz einzurichten. Ein leichter Wind lässt mein noch nasses Zelt bald trocknen.



Am Morgen um 8.45 Uhr fährt der erste Bus zum Grimselpass - mein gemütliches Tagesziel. Der Chauffeur nimmt meinen grossen Rucksack mit; dafür gibt es keinen Verrechnungstarif - ich bedanke mich mit Café & Gipfeli.

So wird die Wanderung noch gemütlicher; gut so, denn gestern hatte ich doch einen langen & weiten Wandertag.





Unterwegs begegnen mir die zwei Biker, die ich morgens am Bus Richtung Grimselpass getroffen hatte; sie biken nur die Abfahrt vom Pass - und halten an...einer bemerkt erstaunt, dass ich barfuss laufe..."das ist gut gegen Elefantenpocken!" entgegne ich. Zuerst verstehen sie es nicht, sie kommen aus Lausanne, sie möchten besser Deutschsprechen können und ich französisch sprechen. So nehmen wir als dritte Sprache englisch dazu...das Lachen zeigt, es wurde verstanden. "Selberdenken" wurde dann mit einem Augenzwinkern unser Abschiedsslogan. Begegnungen, die Freude machen.



Ein langer, erlebnisreicher Weg vom Rhone-Delta am Genfersee bis zum Gletscher, aus dem die Rhone entspringt...

Grade noch rechtzeitig, um für ein paar Augenblicke die Rundum-Weitsicht zu geniessen, komme ich am Grimselpass an...kurz darauf zieht dichter Nebel auf und es ist nichts mehr zu sehn. Hier beende ich meine Etappe - das Wallis liegt hinter mir, der weitere Weg ist noch nicht sichtbar. Gemäss Wegaufzeichnungen bin ich 385 km durch den Kanton Wallis gepilgert, von dem ich zuvor -ausser ein paar Wintersportgebiete und die Rhone vom paddeln- nicht viel kannte. Traversierend von Tal zu Tal entdeckte ich Naturparadiese und begegnete Menschen, deren Authentizität mich herzlich berührte.


Im Hotel-Restaurant "Alpenrösli" erkundige ich mich nach meinem grossen Rucksack, den der Buschauffeur für mich abgegeben hatte- das passt! Das servierende Personal trägt T-Shirts mit der Aufschrift "Wallis- Hüerä Güet"...und während ich mich durch die Speisekarte schlemme, laufe ich gedanklich nochmal zu dem ein und anderen Ort, zu der ein und anderen Begegnung...nehme Abschied mit einer veränderten Betrachtungsweise zu diesem Kanton. Anders als eine benachbarte südliche Feriendestination stellt sich die Schönheit des Wallis nicht so offensichtlich zur Schau, vielmehr offenbart sie sich - so wie bei einer reifen Frau, unaufdringlich für jene, die bereit sind, sie zu sehen und sie zu entdecken...








95 Ansichten1 Kommentar